Geschichte

Die Evangelische Stiftung Neinstedt - Ein Rückblick

Gründerzeit
Marie und Philipp Nathusius erwarben in Neinstedt am Harz ein großes Hofgelände.
Hier, auf dem so genannten Lindenhof, weihten sie am 15. Oktober 1850 ihr Knabenrettungshaus und ein Brüderhaus ein. Damit war der Grundstein für die späteren „Neinstedter Anstalten“ gelegt.

Schon 1847 hatte das Ehepaar in Althaldensleben bei Magdeburg eine Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder ins Leben gerufen. Johann Hinrich Wichern und sein „Rauhes Haus“ war ihnen Vorbild für ihre Arbeit der Inneren Mission und christlichen Liebestätigkeit. Nach Wichern stand der Begriff Innere Mission für eine christliche Erneuerungsbewegung im Dienst der Armen und Hilfebedürftigen.

Philipps Schwester Johanne Nathusius gründete 1861 in Neinstedt das Elisabethstift für Menschen mit geistiger Behinderung. Sie engagierte sich hier für ihre umfassende Förderung und widersetzte sich mit ihrer humanitären Arbeit den damals noch üblichen Bewahr-Strukturen in solcherlei Einrichtungen.

Bereits um 1900 gehörte die Elisabethstiftung zu den größten Sozialwerken für Menschen mit geistiger Behinderung sowie Anfallskranke in Deutschland.

Die Lindenhof-Stiftung und die Elisabeth-Stiftung wurden von ihren Begründern als Werke christlicher Nächstenliebe errichtet, um die Liebe Gottes zur Welt in Jesus Christus zu bezeugen. Beide Stiftungen gehen heute in der „Evangelischen Stiftung Neinstedt“ auf.

Verlobungsfoto von Marie und Philipp Nathusius. Neinstedt o.J.
"Verlobungsbild" von Marie und Philipp Nathusius. Neinstedt o.J.
Johanne Evangelische Stiftung Neinstedt
Johanne Nathusius

Nationalsozialismus

Zwischen 1938 bis 1943 wurden 744 geistig behinderte Bewohner der „Neinstedter Anstalten“ durch die Nationalsozialisten ermordet. Zwar konnten einige Mitarbeiter unter hohem persönlichem Einsatz eine unbekannte Zahl von Neinstedter Bewohnern retten. Andere waren an diesen Verbrechen jedoch direkt beteiligt.  Heute erinnert uns ein Mahnmal an der Lindenhofkirche Neinstedt an dieses schreckliche, menschliche Versagen.

Geistig Behinderte wurden von den Nazis als „lebensunwert“ eingestuft und systematisch umgebracht. Die staatliche „Landesheil- und Pflegeanstalt Bernburg“ war eine der „Euthanasie“-Anstalten zur Zeit der NS-Diktatur in Deutschland. Die Bewohner der „Neinstedter Anstalten“ wurden hierher umgesiedelt und mit Kohlenmonoxid in einer Gaskammer ermordet.

Insgesamt 9.385 psychisch kranke, behinderte und pflegebedürftige Menschen und 5.000 KZ-Häftlinge wurden in Bernburg getötet.

Die Deutsche Wehrmacht übernahm 1942 die meisten Anstaltsgebäude in Neinstedt und errichtete ein Reserve-Lazarett.

Hoffnung und Neuer Anfang

Die sowjetische Armee besetzte ab 1945 die als Lazarett genutzten Gebäude in Neinstedt für ihre Zwecke. Neu verstaatlichte Betriebe vor Ort benötigten außerdem Wohnraum für ihre Mitarbeiter, und richteten dafür auf dem Gelände Wohnungen ein.

Trotz alledem begannen die „Neinstedter Anstalten“ mit einem neuen Kapitel der Pflege geistig behinderter Menschen. Auch die Erziehungsarbeit von Kindern und jungen Erwachsenen sowie die Ausbildung von Diakonen wurde wieder aufgenommen. Das Jahr 1953 erlebte unsere Einrichtung als existenziell bedrohliche Krise.

Zwischen dem 2. Mai und dem 15. Juni drohten die staatlichen Behörden der DDR mit der Übernahme der gesamten Einrichtung und beschlagnahmten einige Gebäude. Diese wurden nach wenigen Wochen zurückerstattet. Im Gegenzug forderten die staatlichen Stellen dafür jedoch die Beendigung der Kinder- und Jugendarbeit durch die „Neinstedter Anstalten“. Dieser durch Marie und Philipp Nathusius ins Leben gerufene, wichtige Aufgabenbereich musste demnach aufgegeben werden.

Ab diesem Zeitpunkt waren die Pflege, Betreuung und heilpädagogische Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung für lange Zeit das Hauptarbeitsfeld der „Neinstedter Anstalten“.

In den nachfolgenden Jahren entwickelten die „Neinstedter Anstalten“ neue heilpädagogische Konzepte für ihre geistig behinderten Bewohner. 1963 begannen die partnerschaftlichen Kontakte zum „Wittekindshof“ Bad Oeynhausen und zu den „Bruckberger Heimen“ in Mittelfranken. Die Partner leisteten sowohl praktische als auch materielle Hilfe: zum Beispiel bei der Erweiterung von Förderangeboten oder dem Aufbau neuer Wohneinrichtungen.

Ganzheitliche Arbeit

Seit Mitte der 1960er Jahre suchte man auch in den „Neinstedter Anstalten“ nach neuen Wegen der ganzheitlichen Betreuung. Die Maxime des so genannten Normalisierungsprinzips zum Beispiel möchte erwachsenen Menschen mit einer geistigen Behinderung ein möglichst normales Leben ermöglichen. Man begann mit dem Aufbau kleiner Wohn- und Fördergruppen. Es wurde eine deutliche Trennung der Wohnbereiche und der Arbeits- und Beschäftigungsbereiche vorgenommen.

1966 erfolgte der erste Lehrgang im "Seminar für Heilerziehungspflege" in Neinstedt. Daraus hervor ging die erste heilpädagogische Fachschule der DDR.

Unter dem Dach der Kirche entwickelten sich die „Neinstedter Anstalten“ in der DDR zur größten Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung.

Nach der Wiedervereinigung

Perspektiven

Mit der deutschen Wiedervereinigung 1990 setzen die „Neinstedter Anstalten“ ihre Arbeit erfolgreich fort und entwickeln sich kontinuierlich weiter. Heute ist die „Evangelische Stiftung Neinstedt“ ein profilierter Anbieter sozialer Dienstleistungen. Über 1.000 Plätze für menschliche Hilfeangebote können hier wahrgenommen werden. Die Stiftung fördert Menschen mit Behinderung weiterhin liebevoll, umfassend und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Alles unter einem Dach

Weitere Bereiche ihrer Arbeit mit dem Menschen sind die Krankenhilfe und die Seniorenbetreuung. Außerdem ist die „Evangelische Stiftung Neinstedt“ Trägerin einer Förderschule für geistig und körperlich behinderte Kinder, der Evangelischen Grundschule Ilsenburg und zweier integrativer Kindergärten. Ihre Ausbildungsstätten „Diakonenkolleg“ und die „Evangelische Fachschule für Heilerziehungspflege“ runden das Bild der „Evangelische Stiftung Neinstedt“ als einem der größten Arbeitgeber der Region ab. In all ihren Arbeitsbereichen sind derzeit rund 850 Mitarbeiter beschäftigt. Die „Evangelische Stiftung Neinstedt“ ist Mitglied im „Diakonischen Werk Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland e.V.“.